Dass Ralf Schmäding vor großen Distanzen nicht zurückschreckt, hat er als 16. des Wüstenlaufes „Marathon des Sables“ und als deutscher Meister über 100 Kilometer längst bewiesen. Nun ist der 55-jährige Holzgerlinger Triathlon-Europameister auf der Langdistanz geworden und hat sich damit das Ticket für Hawaii gesichert.

Artikel mit freundlicher Genehmigung aus der Böblinger Kreiszeitung vom 19. Juli 2018 übernommen – Von Sandra Langguth

Für Ralf Schmäding wird es die zweite Teilnahme in Kona sein. Damals, vor 22 Jahren, hatte er sich bereits für den Ironman World Championship qualifiziert, dann aber 1999 mit dem Dreikampf aufgehört, als seine Zwillinge zur Welt kamen. „Zeitlich war das einfach nicht mehr machbar“, beschreibt der 55-Jährige den immensen Trainingsaufwand, der hinter dem Kraftakt einer Langdistanz steht.

Sport gänzlich aus seinem Leben zu streichen, kam für den drahtigen Ausdauersportler natürlich nicht in Frage. So konzentrierte er sich auf das weniger zeitaufwendige Laufen, war und ist Stammgast beim Treff in Holzgerlingen und begnügte sich längst nicht mehr mit der Marathondistanz. 2012 riss er in der marokkanischen Wüste an sieben Tagen auf sechs Etappen 246,5 Kilometer runter, und das bei erbarmungslosen 50 Grad. Im Jahr darauf wurde er deutscher Meister über 100 Kilometer in seiner Altersklasse. Dann war aber erstmal Schluss. „Die Knie haben einfach nicht mehr mitgemacht“, berichtet Schmäding.

Drei Jahre lang kümmerte sich der Holzgerlinger auf dem Rad um seine Ausdauer und stellte irgendwann fest, dass die Laufpause den Gelenken gutgetan hat. „Offenbar können sich die Knorpel regenerieren, und die Sehnen und Bänder haben sich durch das Radfahren verstärkt“, war der 55-Jährige froh, um eine OP oder sonstige Behandlungen herumgekommen zu sein. Also schnürte er wieder die Laufschuhe und dachte sich im letzten Jahr: „Wenn ich schon Rad fahre und laufe, dann kann ich dazu auch noch schwimmen.“

Ralf Schmäding beim Triathlon in Frankfurt 2018

Ralf Schmäding beim Triathlon in Frankfurt 2018

Also meldete er vergangenes Jahr in Ulm auf der Olympischen Distanz und hängte im August bei der Challenge Regensburg gleich noch eine Langdistanz dran. Und da es gut lief, war Hawaii schnell das neue Ziel. Dafür musste Schmäding, der für die RSG Böblingen startet, bei der Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt aber mindestens Vierter seiner Altersklasse werden. „Wenn ich das nicht geschafft hätte, wäre noch die Chance da gewesen, als Fünfter oder Sechster nachzurücken, falls die vorderen ihren Platz nicht wollen.“ Doch in diese Verlegenheit kam der Extremsportler erst gar nicht, wenngleich es zu Beginn der Langdistanz in Frankfurt erstmal nicht danach aussah.

„Schwimmen ist meine Schwäche“, winkt der Holzgerlinger ab, der nach 1:13:20 Stunde als 51. seiner Altersklasse aus dem Langener Waldsee stieg. „Ich hab‘ nach etwa 800 Metern einen Hackentritt gegen das Auge bekommen. Dabei muss mir an der Braue die Haut aufgeplatzt sein“, beschreibt er einen etwa zwei Zentimeter langen Cut, den er zunächst gar nicht bemerkte. Nachdem er sich durch die 3,8 Kilometer im Wasser gequält hatte, die es in zwei Runden mit einem kurzen Landgang zum Teil voll gegen die aufgehende Sonne zurückzulegen galt, stieg Schmäding auf seine Rennmaschine.

„Im Nachhinein hätte ich mit dem Wettkampfrad viel früher trainieren sollen“, so Schmäding, der sein windschnittiges Bike zwar schon eine ganze Weile in der Garage stehen, die meisten Kilometer aber mit einem alten Trainingsrad runtergerissen hatte. Auf den 185 Kilometern holte der 55-Jährige mächtig auf, machte in den 5:24:47 Stunden ganze 38 Plätze gut und ging als 13. seiner Altersklasse auf die Laufstrecke. „Ich selbst wusste zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, wo ich stehe. Auch meine Lebensgefährtin hat mir nichts gesagt, wohl, weil sie mich nicht demotivieren wollte“, erzählt Schmäding lachend. Als der Holzgerlinger nach zwei von vier Runden entlang des Mainufers aber bereits Fünfter war, verriet sie ihm das dann doch. „Ich wusste, wenn ich das Tempo halte, kann ich immerhin nachrücken.“ Am Ende schaffte er den Marathon in 3:20:06 Stunden und lief damit 20 Minuten schneller als der Zweite seiner Altersklasse.

Dass sich Ralf Schmäding mit seiner Gesamtzeit von 10:05:21 Stunden den EM-Titel gesichert hatte, wusste er beim Überqueren der Ziellinie allerdings noch nicht. „Da es bei den Altersklasse-Athleten einen Rolling Start gibt, muss man erstmal die Zeiten der anderen abwarten.“ Als der Sieg schließlich klar war, konnte der 55-Jährige es erst gar nicht glauben. „Damit hatte ich niemals gerechnet“, war die Freude nicht nur bei ihm, sondern auch bei Lebensgefährtin Natalie Siebke groß. Denn die darf nämlich mit nach Hawaii. Die Flüge sind bereits gebucht, die Unterkunft für 14 Tage ist auch schon ausgeguckt und das Bankkonto um einige Euros leichter.

Noch gar nicht klar, ob das der letzte Aufenthalt auf Hawaii wird

„Schon beachtlich, was das alles kostet“, rechnet Schmäding neben den rund 1000 Dollar für die Startgebühr mit weiteren 6000 für den Aufenthalt. Bei der Frage, ob es das letzte Mal auf Hawaii sein wird, ist allerdings noch nicht das letzte Wort gesprochen. Denn Lebensgefährtin Natalie macht inzwischen auch Triathlon und hat schon zwei Mitteldistanzen gefinisht. „Sie ist jetzt total angefixt. Wer weiß, vielleicht ist sie dieses Jahr der Fan, und nächstes bin ich es“, sagt Ralf Schmäding lachend.

Rund 20 Stunden pro Woche investiert der für die weltweite Warenabwicklung beim Messgerätehersteller Keysight Technologies zuständige Triathlet, der sonntags mit dem Rad auch mal von zuhause aus nach Nürtingen, durchs Neckartal nach Tübingen, von dort nach Rottenburg, weiter bis Nagold, anschließend nach Pforzheim und durch das Würmtal über Weil der Stadt wieder nach Hause fährt. „Das sind in etwa 180 Kilometer.“ Und da bekanntlich von nix nix kommt, hat er seine Trainingsetappen bis zum Ironman Hawaii am 13. Oktober bereits geplant. Als nächstes geht es zum Heidelberg-Man und am 19. August auf eine Mitteldistanz im Breisgau.

Dann sind es noch sieben Wochen bis zum großen Tag, an dem Ralf Schmäding seine Leidenschaft für lange Strecken wieder ausleben darf.

Original-Artikel bei der Böblinger Kreiszeitung vom 19. Juli 2018 – Von Sandra Langguth

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Herbert

RSG Mitglied, Radtreff Organisator und Website-Admin bei RSG-Böblingen
Schwabe in den Besten Jahren 🙂