„Ich hätte gerne ein Europameister-Trikot gehabt“, hadert Marc Jurczyk. „Das fuchst mich dann doch ein bisschen.“ Der 22-jäh- rige Bahnradfahrer aus Altdorf überlegt noch kurz und gibt sich dann doch versöhn- lich: „Ich beschwere mich hier über Sachen, von denen andere nur träumen können.“

Artikel mit freundlicher Genehmigung aus der Böblinger Kreiszeitung vom 29. August 2018 übernommen – Von Michael Schwartz

Was er meint, sind seine Ergebnisse bei der U23-EM. Zu einem Titel reichte es zwar nicht, dafür staubte er in drei verschiedenen Disziplinen zweimal Silber und einmal Bronze ab. „Eigentlich bin ich da schon sehr stolz drauf.“

Ursprünglich sollten die Wettkämpfe in Italien stattfinden, doch der Ausrichter hatte Probleme mit den Brandschutzbestimmungen. „Kurz vor dem unmittelbaren Training darauf, wussten wir nicht, was jetzt passiert“, erinnert sich Jurczyk. Ein wenig chaotisch sei das alles gewesen, bis in der Schweiz ein Ersatzveranstalter gefunden wurde. „Vom Gefühl her konnten wir uns dadurch nicht hundertprozentig vorbereiten. Aber den Umständen entsprechend haben wir das Beste daraus gemacht.“

Los ging es mit dem Teamsprint. Marc Jurczyk durfte erstmals an Position zwei ran. „Da muss man deutlich stärker reintreten“, erklärt er für den Laien. „Für mich ist es eine Riesennummer, mich da zu behaupten.“ Im kleinen Finale um Rang drei verkaufte sich das deutsche Trio stark gegen die Tschechen, die in der Zwischenrunde noch sechs Zehntel schneller gewesen waren. Der Lohn: Bronze. Tags darauf ging der Altdorfer, der seinen Lebensmittelpunkt nach Erfurt verlagert hat, in der Disziplin 1000 Meter an den Start. „Ich habe eine persönliche Bestzeit erreicht – und zwar deutlich“, glaubte er nicht daran, dass da noch jemand schneller sein würde. Ein Russe ließ seinen Traum von Gold jedoch aufgrund von wenigen Hundertsteln platzen. „Es ist fast noch ärgerlicher, wenn man so nah am Titel dran ist“, schüttelt er den Kopf. „Aber mit ein paar Stunden Abstand freut man sich auch über Silber.“

Marc Jurczyk bei der Bahnrad U23-EM 2018

Enge Angelegenheit auf der Bahn im schweizerischen Aigle: Marc Jurczyk (in Weiß) musste gegen die internationale Konkurrenz ordentlich in die Pedale treten

In der Sprint-Quali – der dritte Wettbewerb in kürzester Zeit – lief es mit persönlichem Rekord erneut prima. Zwei Polen besiegte Marc Jurczyk noch, aber im Halbfinale war Schluss. „Ich hab‘ klar gemerkt, dass ich an den Tagen davor schon viel gefahren war.“ Weiterer Grund: „Im Sprint hab‘ ich noch nicht so die Expertise. Außerdem hat die kurze Bahn kein Taktieren zugelassen. Wer vorne war, hat gedrückt und damit gewonnen.“ Am Ende sprang nur Rang vier heraus.

Dennoch endete die EM mit Edelmetall für den 22-Jährigen. Im Keirin verpennte er zwar den Antritt und war danach von zwei Konkurrenten eingebaut, doch über den Hoffnungslauf kam er ins Halbfinale, das er klar gewann. In Rayan Helal fand Marc Jurczyk dann aber wieder seinen Meister. „Der Franzose ist ein Riesentalent und hat eigentlich alle Wettkämpfe dominiert“, nickte er anerkennend nach seinem zweiten Silber.

Demnächst beginnt nächstes Ausbildungsjahr bei Bundespolizei

Demnächst beginnt für Marc Jurczyk das nächste Jahr seiner Ausbildung bei der Bundespolizei, wo er auch in der Sportfördergruppe ist. „Es ist super angenehm zu wissen, dass man einen Job hat, wenn man mit dem Sport aufhört“, hat er damit genau das Richtige gefunden. Seit Ende 2017 hat er zudem auf dem Rad einen neuen holländischen Trainer. „Ich bin total zufrieden mit dieser Situation. In dieser kurzen Zeit habe ich so viel gelernt, und es hat mich sportlich extrem weit gebracht.“

Und die alte Heimat im Kreis Böblingen? „Ich versuche, so oft es geht zu meinen Eltern zu fahren“, berichtet der Bahnradfahrer. Nur klappt das nicht ganz so häufig wie gewünscht. „Wenn man mal nur einen Tag frei hat zum Regenerieren, fährt man halt nicht je dreieinhalb Stunden hin und zurück nach Altdorf.“ Denn Jurczyk kommt sowieso ganz schön rum. „Ich hab‘ mal ausgerechnet, dass ich im Jahr effektiv vielleicht zwei Monate in Erfurt bin. Den Rest bin ich on tour.“ Auch zu seinem alten Mentor Hans Lutz hat er noch Kontakt. Bei der Vier-Bahnen-Tournee in Öschelbronn beispielsweise konnte er mit dem ehemaligen Olympiasieger eine ganze Weile quatschen, telefoniert auch sonst häufiger mit ihm.

Wer weiß, vielleicht hat Hans Lutz die entscheidenden Tipps, damit es doch mit einem EM- oder sogar WM-Trikot klappt.

Original-Artikel aus der Böblinger Kreiszeitung vom 29. August 2018 – Von Michael Schwartz

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Herbert

RSG Mitglied, Radtreff Organisator und Website-Admin bei RSG-Böblingen
Schwabe in den Besten Jahren 🙂