Marc Jurczyk auf der Bahn

Ein schwerer Sturz zerstörte den olympischen Traum von Marc Jurczyk zunächst einmal. Jetzt hofft der Bahnrad-Rennsportler aus Altdorf bei Böblingen wieder auf seine Chance in Tokio. Corona macht’s möglich.

Von Günter Barner, Böblinger Kreiszeitung 10. Juli 2020

STUTTGART. Das Video vom Sturz verbreitet seinen Schrecken bis heute im Internet. Und Marc Jurczyk, 24, verzieht das Gesicht, als müsse er den Schmerz noch einmal ertragen. Es war beim Weltcup in Minsk, im November. Keirin-Rennen waren zwar noch nie so harmlos wie Gummitwist. Aber derlei Crashs erleben auch die Hartgesottenen nicht alle Tage: Beim Chinesen platzt eingangs der letzten Runde der Reifen. In der Kurve. Ausgerechnet. Er schießt wie ein Pfeil nach oben und mäht einen Konkurrenten um. Der gleitet einer Sense gleich ins Rad des deutschen Meisters Marc Jurczyk. Das Kraftpaket aus Altdorf bei Böblingen knallt mit voller Wucht auf die Bahn, wird noch von einem nachfolgenden Fahrer überrollt – und rutscht dann nach unten Richtung Bande.

Sekundenlang herrscht Stille im Velodrom. Die Zuschauer halten sich entsetzt die Hände vors Gesicht. Helfer rennen durcheinander. Die Verunglückten liegen mit fragenden Gesichtern auf der Bahn. „Ich war erst mal geschockt“, erinnert sich Marc Jurzczyk. Er hebt die Augenbrauen so bedauernd, als müsse er den Wahnsinn erklären: „Es ging um die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Da hat eben jeder voll rein gehalten.“ Was so viel heißt wie: Sie kämpften auf den letzten Metern ohne Rücksicht auf Verluste. Für ihn führte der Weg ins Krankenhaus nach Minsk – statt nach Tokio. Sein Kreislauf sackte weg.

Aus der Hüfte quoll Blut. Aus einer Wunde, in die locker ein Daumen gepasst hätte. Und das Schlüsselbein war gebrochen. Wie ein geknickter Ast. Sie schoben ihn auf einer viel zu kurzen Liege in einen klapprigen Krankenwagen. Weil es keine Decken gab, legten sie ihm eine Jacke über die nackten Beine. Die Ärzte in Belarus flickten die Wunde, das Schlüsselbein wurde nach der Rückkehr in Berlin mit einer Metallplatte fixiert.

Der junge Mann seufzt ob der Erinnerung: „Mit einem Mal waren die Olympischen Spiele in Tokio für mich keine realistische Option mehr.“ Es war das bittere Ende eines langen Weges. Wer Marc Jurczyk kennt, ahnt allerdings: Das vorläufige Ende, aber nicht das endgültige. Wer sich seinen olympischen Traum erfüllen will, muss bereit sein, Entbehrungen in Kauf zu nehmen, Rückschläge zu akzeptieren, Schmerzen zu ertragen und Verzicht zu üben. Und er braucht Glück.

Denn die Tortur war noch längst nicht zu Ende. Tage nach der OP wachte er morgens auf und wähnte sich in einem Albtraum. „Das Bett war voller Blut.“ Die Naht am Schlüsselbein war wieder offen, die Wunde hatte sich entzündet. Die Ärzte im Krankenhaus spülten die Blessur gründlich, legten eine Drainage, verordneten Antibiotika und legten die Stirn in Falten: „Hoffen wir mal, dass da nicht noch mehr kommt.“

„Gerade noch mal gut gegangen“, sagt der Marc Jurczyk heute und lächelt. Das Coronavirus schenkt ihm die Zeit, die er braucht. Olympia wurde ins nächste Jahr verschoben. Zum Glück. Womöglich wäre alles umsonst, seine Karriere zu Ende gewesen. Sein Maschinenbaustudium brach er nach dem zweiten Semester ab. Er begann eine Ausbildung in der Sportfördergruppe der Bundespolizei. Wer im 333 Meter langen Oval nicht hinterher strampeln will, müsse auf höchstem Niveau trainieren können, sagt der Topsprinter, „und das funktioniert nicht, wenn du dich nebenbei um die finanzielle Absicherung und das Studium kümmern musst“. Jetzt fräst er als angehender Polizist durch den Tag. Bis spätestens 7 Uhr: Frühstück. Dann Ausbildung bis 12.15 Uhr. Mittagspause bis 13 Uhr. Danach Unterricht bis 16.15 Uhr. Anschließend Training. Rückkehr nach Hause um 21 Uhr. Büffeln bis 22 Uhr. Danach horchen an der Matratze. „Geschenkt“, seufzt er, „bekommt man nichts.“

Als Junior sammelte er noch die Titel wie andere Rabattstempel im Supermarkt. Dreimal deutscher Meister, viermal JuniorenWeltmeister. Aber die Konkurrenz in den Eliteklassen der Erwachsenen ist brutal. Jeder Sprint gleicht einem Ritt auf der Kanonenkugel. Die Besten der Welt nageln mit Tempo 70 über die Bahn, kurzzeitig mit einer Leistung von bis 2500 Watt. Die 1000 Meter im Zeitfahren radeln sie in weniger als einer Minute. Bis zur absoluten Weltklasse, schätzt Marc Jurczyk, fehlen ihm zurzeit noch zehn Prozent.

Das sind im Hochleistungssport zwar Welten, aber keine, die unerreichbar bleiben müssen. Neben Technik und Taktik ist bei den schnellen Bahnradsportlern das Wichtigste die Kraft. Harrie Lavreysen, der dreifache Weltmeister aus den Niederlanden, schafft angeblich zehn Kniebeugen unter 200 Kilogramm Last, Jurczyk stemmt 160 Kilogramm mit zehn Wiederholungen. Tendenz steigend. Oberschenkelumfang: Zentimeter 60 cm. Solche Burschen, so scheint es, brauchen beim Reifenwechsel keinen Wagenheber. Sie lupfen die Karre mit dem Fuß.

Hans Lutz, selbst Olympiasieger und mehrmaliger Weltmeister im Bahnradfahren, hat den Altdorfer HochfrequenzKurbler schon als Zehnjährigen entdeckt. „Marc“, befand er nach einigen Ausfahrten mit dem Mountainbike in den nahen Naturpark Schönbuch, „aus dir kann mal was werden.“ Sein langjähriger Trainer und heutiger Manager ist sicher, dass der junge Mann aus Reihen der RSG Böblingen das Zeug hat, bei den Olympischen Spielen im nächsten Sommer in die Nähe des Siegertreppchens zu fahren. „Und wer weiß: Wenn’s gut läuft, ist sogar eine Medaille drin.“ Trotz Crash in Minsk. Und Corona sei Dank.

Disziplinen im Bahnradsport

  • Unterscheidung Im Bahnradsport wird zwischen Kurzzeitdisziplinen und Ausdauerdisziplinen unterschieden. Marc Jurczyk ist Spezialist für die Kurzzeitdisziplinen. 2019 wurde er deutscher Meister im Keirin, 1000-Meter-Zeitfahren und Teamsprint (mit Maximilian Dörnbach, Maximilian Levy und Nik Schröter).
  • Keirin Bei Keirin handelt sich um eine aus Japan stammende Variante des Sprints, die auch „Kampfsprint“ genannt wird. Die Distanz beträgt etwa 1500 Meter, sechs Fahrer treten gegeneinander an. Während der ersten Hälfte des Rennens fährt ein Schrittmacher auf einem Derny oder Elektro-Rad vor dem Feld her und beschleunigt langsam von 30 km/h auf etwa 50 km/h. Nachdem der Tempobestimmer nach 750 Metern die Bahn verlassen hat, beginnt der eigentliche Finalkampf.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kreiszeitung Böblingen.

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Herbert

RSG Mitglied, Radtreff Organisator und Website-Admin bei RSG-Böblingen
Schwabe in den Besten Jahren 🙂